Vom Feeling her ein gutes Gefühl #8
Mein persönlicher Newsletter zwischen KI, Strategie, Nachhaltigkeit und Fußballweisheiten. Ein bisschen mehr Blick nach vorne als zurück.
Von meinem Schreibtisch ✍️
Für die einen Nebensache, für die anderen Existenzfrage
Mein Vater hat in seinem ganzen Berufsleben nicht eine einzige Minute in einem Büro verbracht. Erst hat er jahrelang mit Pferden gearbeitet und sie ausgebildet, irgendwann ist er aus gesundheitlichen Gründen von der Kutsche aufs Auto umgestiegen und hat als Fahrlehrer gearbeitet.
Gerade als Fahrlehrer war das Radio natürlich auf Dauerschleife. Was ihm damals auffiel: Im Radio wurde die gesamte Hörerschaft ganz selbstverständlich mit einem freundlichen „Guten Morgen im Büro“ begrüßt. So als ob alle Zuhörer am Schreibtisch arbeiten.
Rational betrachtet entspricht das nicht der Realität: Gut die Hälfte aller Menschen in Deutschland arbeiten in Bürojobs, der Rest nicht.1
Für ganz viele von diesem großen Rest ist KI im ersten Moment relativ egal. Für Fahrlehrer, Krankenschwestern, Ärzte oder Lehrer kann KI (wenn überhaupt) eine Ergänzung sein, es wird aber mittelfristig nicht zum existenziellen Berufsrisiko werden (…autonomes Fahren klammern wir mal aus, wird eh noch viele Jahre in Deutschland dauern).
Für die eine Hälfte ist KI also interessanter Nebenschauplatz und Spielerei, für die andere Hälfte geht es um die langfristige Existenz.
„Wie so oft liegt auch hier die Mitte in der Wahrheit.“
Rudi Völler
KI Risiko-Bewertung sollte bei Job-Auswahl größere Rolle spielen
Obwohl es für Einstiegsjobs in der „Wissensarbeit“ schon jetzt merklich schwieriger wird2 und die großen US-Labs massive Kürzungen in den nächsten Jahren prognostizieren3, gibt es keine großen ersichtlichen Veränderungen in Ausbildungswegen. Es fällt schwer, sich auf Institutionen und „klassische Wege“ zu verlassen - die Autoritäten der alten Welt sind zu unflexibel, um auf den veränderten Rahmen der neuen Welt zu reagieren. Das erkennen auch Unternehmen: Palantir zahlt Praktikanten 60.000 Pfund für ein halbes Jahr, wenn sie dafür auf das Computer Science-Studium verzichten.4
Wenn schon in den letzten Jahren der neuen Arbeitswelt ein abgebrochenes Studium nicht zwangsläufig zu einer gescheiterten Karriere geführt hat, wird sich die Entwicklung nur noch weiter verstärken. Drei Fragen für alle, die gerade am Anfang stehen:
Wie ausgesetzt ist mein Berufsfeld gegenüber KI?
Wie wichtig sind formelle Abschlüsse in meinem Bereich?
Was muss ich dafür machen, um realistisch auch in 5-10 Jahren noch Geld in dem Feld zu verdienen?
Entscheidung für oder gegen KI
Es gibt viele wichtige Bereiche (z.B. Handwerk, Gastronomie, Gesundheit), in denen KI so schnell keine große Rolle spielen wird. Wenn ich also meine Ruhe vor dem Thema haben will, muss ich mir in den Branchen erstmal keine Gedanken machen.
Mein Vater ist jetzt Rentner und muss sich nicht mit KI beschäftigen, ihn hat aber auch vor Jahren schon das Internet beruflich nicht tangiert. Als E-Mail, Excel und Google die Büroarbeit umgekrempelt haben, hat er einfach weiter Pferde ausgebildet und Fahrstunden gegeben. “Internet - brauche ich nicht“ - in seinen Jobs ging das.
Ganz realistisch haben alle Wissensarbeiter, die nicht in den nächsten 3 Jahren im Rentenalter sind, diesen Luxus nicht. Je proaktiver und neugieriger sie dem Thema begegnen, desto besser das eigene Gefühl und gleichzeitig höher der Wert für den sich verschärfenden Arbeitsmarkt der Zukunft. Zumindest für die eine Hälfte.
„Wir können sowas nicht trainieren, sondern nur üben.“
Michael Ballack
KI
Are we having the wrong conversation on AI and jobs? - Neil Perkin
In dem Artikel geht es um die Frage, wie lange die KI-Transformation realistisch dauern wird. Ein Vergleich ist besonders hängen geblieben: Als Elektrizität erfunden wurde, hat es 30 Jahre gedauert, bis Fabriken wirklich davon profitiert haben – weil man nicht einfach einen Elektromotor in eine dampfbetriebene Fabrik stellen konnte, sondern die gesamte Architektur umbauen musste.
“This is the difference between task automation within an existing paradigm versus paradigm replacement. AI will require us to rethink our entire relationship with human labour, but also to redesign the systems in which work happens, and that will take time.”
Black-Hat LLM’s - Nicholas Carlini (Anthropic)
Etwas technischer als meine üblichen Empfehlungen aber sehr interessant - Nicholas Carlini arbeitet als Sicherheitsforscher bei Anthropic. In dem halbstündigen Vortrag bei der unprompted-Konferenz zeigt er, wie ein KI-Modell eigenständig kritische Sicherheitslücken in Software findet, die seit über 20 Jahren unentdeckt waren.
Bester YouTube-Kommentar: “THIS IS NOT THE VIDEO TO WATCH BEFORE GOING TO BED.”
Dem kann ich mich nur anschließen.
STRATEGY
The Interrogation Nobody Did - Zoe Scaman
Ipsos hat eine Studie veröffentlicht, laut der zwei Drittel aller Marketer grundlegendes Marketing-Wissen fehlt. Klingt dramatisch. Noch dramatischer: Die Studie wurde mitgestaltet von Mark Ritson, der zufällig den Mini MBA verkauft, das genau dieses Problem lösen soll.
Zoe Scaman hat sich als eine der wenigen die Mühe gemacht, die Methodik auseinanderzunehmen, die Schwächen sind offensichtlich. Der Test misst nicht universelles Marketing-Wissen, sondern spezifisch Ehrenberg-Bass-Theorie. Auch wenn ich durch “How Brands Grow” & Co. starker Verfechter der Theorie bin, ist es ein eindimensionaler Winkel, durch den Marketing-Fähigkeiten bewertet werden.
Ich glaube schon, dass Mark Ritson einen Punkt hat mit fehlender Qualifikation von Marketing-Verantwortlichen. Trotzdem muss man dafür nicht zwingend einen seiner teuren Kurse besuchen (die mittlerweile sogar in der Berliner U-Bahn beworben werden?!).
Die LinkedIn-Welle danach hat leider auch gezeigt: Kritische, ausgewogene Einordnung interessiert die Leute deutlich weniger als Team Ritson vs. Team Scaman. Schade eigentlich – in ihrem Artikel stecken überzeugende Argumente.
Über mich:
Ich bin Benni und arbeite als Freelance Stratege. Nach Stationen in führenden Kreativ-und Markenagenturen berate ich Unternehmen dabei, KI sinnvoll in ihre Prozesse zu integrieren.
„Wir haben ein Abstimmungsproblem, das müssen wir automatisieren.“
Berti Vogts
https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2023/IW-Report_2023-B%C3%BCroarbeit-im-Wandel.pdf
https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/wirtschaft/arbeitsmarkt-chancen-berufseinsteiger-100.html
https://www.darioamodei.com/essay/the-adolescence-of-technology
https://www.focus.de/panorama/welt/ki-firma-palantir-zahlt-18-jaehrigen-schulabgaengern-68-800-euro-und-raet-zum-verzicht-aufs-studium_7fae07c1-884b-40d4-9b46-58223ca67c01.html


