Vom Feeling her ein gutes Gefühl #7
Mein persönlicher Newsletter zwischen KI, Strategie, Nachhaltigkeit und Fußballweisheiten. Ein bisschen mehr Blick nach vorne als zurück.
Moin!
In den letzten Wochen musste ich einige meiner persönlichen Gewissheiten zu KI überdenken - deswegen geht es um die Frage, wieso die ständige Überprüfung des eigenen “mentalen Modells” wichtiger als kleinteilige Modellunterschiede ist. Neben dem kurzen Artikel findet ihr darunter die für mich spannendsten Gedanken des Monats, u.a. zu folgenden Fragen:
(Wie) Verändert KI den Arbeitsmarkt?
Was genau macht Jobs bedeutungslos?
Warum ist die “Escape Economy” ein oberflächliches Elitending?
Wenn euch der Newsletter gefällt, freue ich mich riesig über Empfehlungen.
Viel Spaß beim Lesen 🦦
Benni
Von meinem Schreibtisch ✍️
Warum unser mentales Modell wichtiger als die Feinheiten der technischen Modelle ist
Ich denke, dass ich ganz passable Stories schreiben kann. Für Präsentationen, Workshops oder auch mal einen Newsletter. Nach den letzten drei Jahren mit KI-Tools war ich davon überzeugt, dass die Fähigkeit nicht so schnell von einer Maschine ersetzt werden kann, die Ergebnisse hatten mir bislang keinen Grund zur Beunruhigung gegeben. Die unerwarteten Verknüpfungen, der eigene Stil, das wird so schnell schon nicht passieren.
Um das neue Claude-Modell zu testen, habe ich ein paar lose Argumente hingeworfen und die Aufgabe gestellt, die Punkte zu einer flüssigen Geschichte zu verbinden. Ehrlicherweise hatte ich keine großen Erwartungen. Es hat bis dato ja auch nicht funktioniert.
Das Ergebnis hat mich umgehauen, es schaffte Querverbindungen auf die ich noch nicht gekommen war, eine klare Priorisierung der Argumente, eine überzeugende emotionale Geschichte. Ein paar Feinheiten habe ich angepasst (und v.a. Charts gebaut), aber die Grundstruktur wurde exakt so präsentiert, das Team und der Kunde waren begeistert.
Zwischen Staunen und Scham
Trotz des Erfolges löste es in mir gemischte Gefühle aus: ein ungläubiges Staunen über die Ergebnisqualität. Als wenn ich einen Cheat Code gefunden habe, den noch niemand kennt. Dann aber auch ein diffuses Schamgefühl, die eigenen Fähigkeiten „verraten“ zu haben. Je mehr Identifikation man aus einer Fähigkeit zieht, desto mehr schmerzt es, wenn eine Maschine sie plötzlich auch kann.
„Ich bin keiner, der beim ersten Tsunami gleich wegrennt.“
Thomas Brdaric
Wenn ich nicht meine Annahmen, was KI leisten kann, neugierig überprüft hätte, hätte ich nie herausgefunden, was Anfang 2026 möglich ist. Und wenn mir das passiert, obwohl ich mich täglich intensiv mit KI beschäftige: wie veraltet sind die Annahmen von Menschen, die KI vor einem Jahr zuletzt ausprobiert haben oder es nur für simple Aufgaben wie Mails formulieren verwenden?
Mentale Modelle verändern sich langsam
Normalerweise setzen sich mentale Modelle schnell fest und verändern sich nur langsam.1 Beim Smartphone konnten wir uns langsam an die Veränderung gewöhnen. Erst hatten es wenige, dann mehr, das mobile Netz wuchs mit (zumindest überall auf der Welt außer in Deutschland ;-)), unser mentales Modell konnte Schritt halten. Anders ist es bei KI, die Veränderung geht so rasant schnell, dass wir nicht hinterherkommen und versuchen uns mit allgemeinen Wahrheiten zu beruhigen.
„Kreativität und Strategisches Denken wird es nie ersetzen...“
„So lange es dies und jenes nicht kann, mache ich mir überhaupt keine Sorgen.“
„KI bildet ja eh nur den Durchschnitt ab…“
„Für unsere Branche ist KI viel zu oberflächlich...“
Egal was die Technologie für Sprünge macht, es finden sich immer Argumente, was KI nicht kann oder warum es für die eigene Situation ungeeignet ist. Ein tiefes Bedürfnis nach einer Art sicherheitsstiftendem Regelwerk. Wenn man allein den Fortschritt der letzten drei Jahre betrachtet, kann einem die Sicherheit nur niemand ausstellen.
Die Modelle bewegen sich schneller als unser mentales Modell von ihnen
Aufgaben, die man vor einem halben Jahr nicht zufriedenstellend hat lösen können, sind z.B. durch die neusten Modelle wie Opus 4.6 auf einmal lösbar. Deswegen muss man sich nicht nur mit den objektiven Neuerungen beschäftigen, sondern v.a. mit den eigenen vorgeprägten Annahmen.
Wenn ich davon ausgehe, dass Aufgabe xy sowieso nicht lösbar ist und es a) nicht ausprobiere oder b) einen lieblosen Prompt eingebe, dann ist es wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung.
„AHA, hab ich doch gesagt, dass es das nicht hinbekommt.“
Es ist leicht, KI kleinzureden. Es ist viel schwieriger, ego-frei die eigenen Annahmen zu überprüfen, vor allem wenn die Auseinandersetzung unbequeme Gefühle auslöst. Was wir mit den Erkenntnissen machen, ist danach immer noch uns selbst überlassen. Diesen Newsletter zum Beispiel schreibe ich komplett ohne KI. Fühlt sich erfrischend frei an.
„Ich kann die Karotte am Ende des Tunnels sehen.“
Stuart Pearce
KI
Something Big is Happening - Matt Shumer
Why I’m not worried about AI job loss - David Oks
Anfang April ist der Post „Something Big is Happening” von Matt Shumer auf X viral gegangen. Er sagt im Kern, dass wir bei KI an einem ähnlichen Punkt wie kurz vor der Verbreitung von Corona stehen. Die meisten Menschen verstünden noch nicht die Konsequenzen und unterschätzten sie massiv. Als ich ihn das erste Mal gelesen habe fand ich ihn ziemlich aufwühlend – er hat seinen Job also erfüllt, Panik machen.
Viel interessanter fand ich die Replik „Why I’m not worried about AI Job loss”. Die Grundthese:
“People frequently underrate how inefficient things are in practically any domain, and how frequently these inefficiencies are reducible to bottlenecks caused simply by humans being human.”
Ich bin ehrlich gesagt näher bei Oks als bei Shumer. Nicht weil ich die Veränderung kleinrede, sondern weil uns die Panik nicht weiterbringt und die Unternehmensrealität etwas anderes ist als die theoretischen technologischen Möglichkeiten. Aber lest beide Artikel und macht euch ein eigenes Bild.
Ich wollte das Chart teilen, weil es zeigt wie weit wir in der KI-Adoption sind.
Fun Fact: Originalquelle davon zu finden ist schwierig, alle beziehen sich auf irgendwen anderen bei LinkedIn und das Narrativ scheint wichtiger als die Quelle.
STRATEGY
The Custodian Shift - Igor Schwarzmann
In „The Custodian Shift" geht es um die sich verändernde Rolle von Menschen. Weg von den heroischen Einzelkönnern, die aufgrund ihrer Genialität und Arbeitsbereitschaft Großes leisten. Hin zum Ermöglicher, der die Bedingungen schafft, unter denen Mensch-Maschine-Kollaboration funktioniert. Ein Beispiel aus dem Artikel: Engineers bei OpenAI schreiben keinen Code mehr selbst, sie designen Umgebungen, in denen AI-Agents zuverlässig arbeiten können. Wenn etwas schiefgeht, fragen sie nicht „Wie löse ich das?", sondern „Was fehlt dem Agent, um es selbst zu lösen?"
Passt auch zu dem was ich oben beschrieben habe: Unsere Vorstellung davon, was unsere Rolle ist, muss sich mitbewegen.
“Most conversations about AI and work ask the wrong question. Will we be replaced? Replacement is the wrong metaphor entirely. What we're living through is not a crisis of who does the work, but a transition in what human agency means.”
SONSTIGER KRAM
The Nature of Meaningless Work - Alex McCann
Den Artikel „The Nature of Meaningless Work" fand ich als Fortsetzung von „The Death of the Corporate Job" aus dem letzten Jahr spannend. Er teilt „Meaningless" in fünf verschiedene Kategorien auf:
Distance from Impact (= “Ich habe keine sichtbare Wirkung auf Endergebnis”)
Values Contradiction (= “Ich kann das eigentlich nicht vertreten, was ich tue.”)
Interchangeability (= “Ob ich das mache oder jemand anderes, ist völlig egal”)
Manufactured Necessity (= “Wenn mein Job wegfällt, macht es keinen Unterschied”)
Lack of Authorship (= “Ich kann dem Job nicht meine Handschrift verleihen”)
Der Punkt ist: Man muss genauer hinschauen, was genau einen Job für einen persönlich bedeutungslos macht, statt pauschal nach „mehr Sinn” zu suchen. Ich sag mal so: ganz fremd sind mir einige der Kategorien aus vergangenen Jobs nicht.
Your Arc’teryx-Jacket Is Not a Personality - Helen (The Culture of Contradiction)
Kurzweiliger Artikel über teure Outdoorjacken und die tieferen Zusammenhänge der Escape Economy. Ich finde vor allem den Punkt spannend: „Escape Economy is a class system and nobody wants to say it."
“People working two jobs, with no time for slow living and no budget for any of this – nobody calls that an 'escape economy.' That's just called getting through the week.”
Über mich:
Ich bin Benni und arbeite als Freelance Stratege. Nach Stationen in führenden Kreativ-und Markenagenturen berate ich Unternehmen dabei, KI sinnvoll in ihre Prozesse zu integrieren.
„Das nächste Spiel ist immer das nächste.”
Matthias Sammer
https://nesslabs.com/belief-perseverance


